Alles unter Kontrolle. Kinderwunsch im 21. Jahrhundert

Ich weiß nicht wie das bei dir so ist, aber ich bin der absolute Kontroll-Freak. Manchmal frage ich mich, wie ich leben würde, wenn ich 50 Jahre früher auf die Welt gekommen wäre. Meine Vermutung ist, dass ich entweder sehr viel entspannter wäre oder ein völliges Nervenbündel. Vor allem wenn es um Kinderwunsch und Schwangerschaft geht, gehöre ich zu den Menschen, die alles, aber auch wirklich alles unter Kontrolle haben müssen (was naturgemäß gar nicht möglich ist).

Damit du einen Eindruck vom Ausmaß dieses Wahnsinns erhältst, will ich dir heute mal erzählen, was ich (und Finn) alles gemacht und gekauft haben, um alles mögliche zu kontrollieren:

Nachdem es bei mir nicht auf Anhieb mit dem Schwanger werden geklappt hat und ich das ungute Gefühl hatte, dass das bei mir wahrscheinlich auch eher schwer wird (frag mich nicht woher dieses Gefühl kam, war einfach so ein Bauch-Ding), habe ich nach etwa 3 Monaten angefangen mich tiefer mit dem weiblichen Zyklus und dem Schwanger-Werden auseinanderzusetzen.

In den Untiefen des Internets stieß ich auf andere Wahnsinnige, die mich in die Basaltemperatur, Ovulationstests, Zervix, Zyklustees, homöopathische Mittelchen und diverse Mythen zur Beeinflussung des Geschlechts einführten. Da meine Verzweiflung groß und die Hemmschwelle im Internet anonym irgendwelche Tests zu kaufen niedrig ist, wurden flugs dutzende Ovulationstests in verschiedenen Stärken, Tees und Globuli bestellt. Meinen Zykluscomputer hatte ich ja noch aus der Zeit, in der ich damit verhütet habe, der durfte nun auch wieder aus der Schublade gekramt werden.

Im ersten Monat verbrauchte ich so viele Ovulationstests, dass ich einfach nur froh war, die billigsten gekauft zu haben, ansonsten hätten wir den Traum vom Eigenheim wohl schon an diesem Punkt begraben können. Da ich erfahren musste, dass LH pulsativ ausgeschüttet wird, machte ich nämlich nicht nur einmal am Tag einen Test, sondern einfach so oft, wie es mir gerade in den Sinn kam. Da ich mitten in der Prüfungsvorbereitung steckte, kam es mir ziemlich oft in den Sinn mal ein paar Minuten auf dem Klo zu verschwinden um ein bisschen Zeit zu verschwenden, da kann man sich ausmalen, wie viele Tests ich in nur zwei Wochen verbrauchte.

Nebenbei wurde natürlich ordentlich Zyklustee getrunken (aber Achtung: Zyklustee 1 nur bis zum Eisprung, danach Zyklustee 2!) und Globule gelutscht. Ja, ich weiß, das Ganze hört sich eher nicht nach jemandem an, der in der Lage ist ein Psychologie-Studium zu absolvieren. Aber was soll ich tun? In besagtem Studium habe ich vor allem gelernt, dass die Beurteilung ob ein Verhalten als normal oder nicht gilt immer davon abhängt, welche Art von Norm man zugrunde legt und Normen sind nicht in Stein gemeisselt, sondern verändern sich im Laufe der Zeit. Vielleicht ist es also in 100 Jahren völlig normal sich so zu verhalten (hoffentlich nicht!).

Was hat es mir gebracht?
Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich heute klüger bin, dass ich gelernt habe, dass einen dieses ganze Testen nur wuschig macht und man es lieber ganz entspannt auf sich zukommen lassen soll. Die traurige Wahrheit ist aber, dass ich das Testen toll finde. Ich finde es klasse, dass ich ganz genau weiß, wann mein Eisprung war und wann meine Periode kommt. Da ich sehr vergesslich bin, habe ich mir zudem eine App geholt, in der ich alle (aber auch alle) Ergebnisse eintragen. Wenn es jemanden interessiert, kann ich nun also mein Handy zücken und ganz genau sagen, wann welcher Ovu (welche Stärker) positiv war. Welche Symptome ich hatte (Übelkeit, Mittelschmerz, etc.) und wann meine Temperatur wie hoch war.

Mich hat es entspannt und mir geholfen mich selbst besser kennen zu lernen. Ich weiß, dass das bei anderen Frauen anders ist. Dass sie sich dann tatsächlich unter Druck gesetzt fühlen und es zu Sex nach Plan kommt. Das ist bei uns zum Glück kein Thema. Und das ist, was ich dir heute sagen möchte: dass wir einfach schauen sollen, was uns gut tut. Wer mit dem Testen und Messen und Aufzeichnen gut klar kommt und wem es Freude bereitet, der soll es tun! Alle anderen sollen es lassen. Aber lasst uns doch aufhören anderen Ratschläge geben zu wollen. Wie oft wurde mir gesagt „das ist aber stressig! Lass das doch lieber mal weg, dann klappt das schon!“. Doch wisst ihr was? In beiden Zyklen, in denen ich schwanger geworden bin, habe ich getestet bis zum umfallen (also rein bildlich gesprochen, natürlich). Mich stresst das nicht, sondern es gibt mir Sicherheit. Und deshalb denke ich nicht, dass das meinem Kinderwunsch im Wege steht, eher ganz im Gegenteil. Und die Übelkeit, die ich gerade beim Schreiben ein bisschen vergessen durfte, scheint mir Recht zu geben.

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Nele
von
Hi! Ich bin Nele. Erzieherin, Bachelor-Psychologin und seit 11/2016 Mama von einem bezaubernden Jungen. Hier auf meinem Mama-Blog erfährst du, was mich bewegt und beschäftigt.
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Kommentare

    • Sarah
    • 10. April 2017
    Antworten

    so sieht es aus ☝️

    • Anja
    • 11. April 2017
    Antworten

    Ja, diese ganzen Tests und guten Ratschläge können einen in den schieren Wahnsinn treiben. Uns ging es so, als wir letztes Jahr unsere Zwillinge in der 13.woche verloren haben. Bis heute haben wir das nicht richtig verkraftet, der Schmerz wird immer bleiben. Die zeit danach war die Hölle! Jeden Zyklus hat man gehofft und gebangt. … Jedes mal die Enttäuschung. .. Am ende hat es kurz nach meinem Geburtstag geklappt, als ich auf nichts geachtet habe, nicht daran gedacht habe und außer folsäure nix genommen habe. Mittlerweile bin ich im 8. Monat und wir freuen uns so sehr auf unsere kleine Prinzessin <3

    • Jana
    • 22. Oktober 2017
    Antworten

    Hallo Nele,

    ich verfolge deinen Blog jetzt schon seit einer ganzen Weile und muss dir erstmal ein großes Lob aussprechen. Deine Berichte sind total interessant geschrieben und regen auch zum Nachdenken an. Ich bin selbst auch Erzieherin und ein absoluter Kontrollfreak. Aber was soll ich sagen? Auch mir gibt das Sicherheit und ich fühle mich einfach wohler. Bisher bin ich auch noch auf der Suche nach einer relativ guten App. Welche hast bzw verwendest du? Und bist du zufrieden? Es gibt ja leider unzählige davon und einige fand ich bisher enttäuschend…. Liebe Grüße

    1. Nele
      • Nele
      • 22. Oktober 2017
      Antworten

      Hey Jana,
      Aww, danke für deine lieben Worte, sowas zu hören freut mich immer von Herzen <3

      Ich habe am Ende die App „life“ verwendet (habe ein iPhone), die fand ich wirklich gut und habe dafür auch ein paar Euro bezahlt (war aber nicht so viel und für mich hat sich das gelohnt). Ich hatte auch die App von urbia, die fand ich persönlich nicht so toll, die wäre aber komplett kostenfrei.
      Hm, das ist auf jeden Fall ein interessantes Thema und vielleicht komme ich dazu mal drüber zu schreiben (momentan schaffe ich leider kaum etwas für den blog 🙁 ).

      Wenn du noch eine tolle App findest, freue ich mich über deinen Tipp 😉

      Alles Liebe
      Nele

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