Eltern sein ist schwer. Lasst es uns nicht noch schwerer machen!

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Eltern Fehler Toleranz
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1. Von Fehlern, Unwissenheit und Schuld

Egal wo man hinschaut, egal wen man fragt, wenn man Mama (oder Papa) wird, sieht und hört man sie auf einmal an jeder Ecke: Ratschläge, Tipps und Hinweise zur Erziehung.

Jeder scheint es irgendwie besser zu wissen und egal wie viel Mühe man sich gibt, irgendwas macht man immer falsch. Die Konsequenzen, die diese Fehler für die Kinder haben, reichen dabei von (wenn man Glück hat) einem unzufriedenen, unausgeglichenen Kind bis hin zu gestörter Bindung, Haltungsschäden oder gar psychischen Störungen.

Wenn ich mir anschaue, was wir in den letzten fünf Monaten alles falsch gemacht haben, dann muss ich mich wohl damit abfinden, dass mein Kind keine vernünftigen Beziehungen aufbauen kann, ein gestörtes Essverhalten entwickelt und wahrscheinlich niemals Sitzen, geschweige denn Laufen wird.

Und dabei versuchen wir auf wahnsinnig viel zu achten. Wir reden sehr viel mit dem Babyjungen, singen ihm Lieder vor. Haben ihn im Tuch getragen. Auf die Haltung im Tuch geachtet. Ihn nur auf dem Rücken schlafen lassen. Ihn gestillt. Keinen Brei und keine Pre-Nahrung gegeben. Wir sind täglich an der frischen Luft. Schützen seine Haut und seinen Kopf vor der Sonne. Und verwenden natürlich keine Sonnencreme. Wir waschen ihn regelmäßig. Aber auch nicht zu oft. Nehmen keine Seife, kein Parfum. Ziehen ihm nur GOTS-zertifizierte Kleidung an.

Wenn ich nun aufschreibe, worauf wir alles achten, dann sitze ich wohl morgen noch hier und dieser Artikel würde der längste werden, den ich je geschrieben habe. Und trotzdem ist es nicht genug. Da öffne ich das Internet und lese (Sinngemäß) „wer sein Kind zu früh hinsetzt, der schädigt es“. Und ich denke: „Oh Gott! On nein! Auch ich habe den Babyjungen schon mal vor mich hingesetzt, ihn mit meinen Armen gestützt und ihn so an seinem Kuscheltier spielen lassen.“ Und täglich sitzt er auf meinem Schoß, weil er dann einfach am zufriedensten ist.

Ich scrolle so durch und überfliege alles und lese, dass zu frühes Hinsetzen zu einer Skoliose führen kann. Und am Ende des Eintrags lese ich dann viel Zustimmung und tatsächlich auch von einer Mutter, der es ähnlich geht wie uns: Die jetzt erst mal ein schlechtes Gewissen hat, weil sie ihr Kind tatsächlich mal hingesetzt hat.

Ich klappe den Computer zu und bin erstmal irgendwie platt. Schon wieder etwas, dass wir falsch machen. Schon wieder etwas, das ich nicht wusste. Ich habe hier Zuhause unglaublich viele Erziehungsratgeber stehen. Ich bin ehrlich, ich habe nicht alle gelesen. Und viele nur durchgeblättert. Und dennoch wird mir immer klarer: Ich werde nie alles wissen. Nie die Mutter sein, die keine Fehler macht. Es geht nicht!

2. Es ist ok Fehler zu machen!

Und weißt du was? Ich glaube trotzdem, dass mein Kind zu einem gesunden Erwachsenen heranwächst. Und wenn nicht, dann liegt das sicher nicht nur daran, dass ich etwas falsch gemacht habe, sondern auch einfach an der Veranlagung.

Ich selber habe eine operierte Skoliose. Und ich bin soo weit davon entfernt meinen Eltern daran die Schuld zu geben. Kein Arzt hat je erwähnt, dass die Skoliose dadurch gekommen sei, dass meine Eltern mich zu früh hingesetzt hätten. Ganz im Gegenteil: Es hieß immer nur „man weiß nicht, warum der eine es bekommt und der andere nicht“ (und glaube mir, ich war bei einer Menge Ärzten und einer Menge „Experten“ zu dem Thema).

Klar, es gibt Dinge, die sicher sind. Wenn Schwangere rauchen oder Alkohol trinken, dann weisen die Babys sehr oft spezielle Merkmale auf, die man eindeutig auf dieses Verhalten zurück führen kann. Und wenn Eltern ihre Kinder schütteln oder Gewalt anwenden, ist wohl jedem klar, dass dies Folgen hat.

Aber bei vielen anderen Dingen?

Ein Tag hat 24 Stunden, eine Woche 7 Tage, ein Jahr 52 Wochen. Das sind 8736 Stunden pro Jahr. Was glaubst du, welche Wirkung es hat, wenn ich von diesen 8736 Stunden vielleicht insgesamt 364 Stunden (also etwa eine Stunde am Tag) lang etwas tue, was vielleicht nicht ideal für die Entwicklung meines Babys ist? Das sind 4 % von einem Jahr. Die anderen 96 % mache ich es besser. 4 % beziehen sich dabei nur auf das erste Jahr. Wenn ich davon ausgehe, dass mein Kind 80 Jahre alt wird, dann sind es nur noch mickerige 0,038 %, die ich im ersten Jahr mal etwas nicht so gut gemacht habe!

Und ja, leider ist es so, dass wir alle Veranlagungen haben, die wir nicht einfach erkennen können. Die dazu führen können, dass bei einem Kind diese 364 Stunden ausreichen und es zu einem „Schaden“ kommt. Aber es hätte auch sein können, dass dieses Kind diesen „Schaden“ entwickelt, ganz gleich was die Eltern tun. Wir wissen es nicht. Wir werden nie wissen, wie es ausgegangen wäre, wenn die Eltern etwas anders gemacht hätten. Denn wir können die Zeit nicht zurück drehen und Dinge ungeschehen machen.

3. Gegen Angst-machen, für's Mut-machen

Ich mag Ratgeber. Es ist wichtig, dass wir Wissen weitergeben und uns gegenseitig dabei helfen den richtigen Weg zu wählen. Egal, ob es dabei um unsere Kinder geht oder uns selbst.

Aber was mich wahnsinnig nervt, ist dieses „Angst-machen“. „Wenn du das tust, dann nimmt dein Baby einen Schaden!“, „Wenn du hier eingreifst, dann verbaust du deinem Kind dieses und jenes!“.

Warum kann man nicht einfach hervor stellen, was die positiven Aspekte sind? Reicht es nicht zu sagen „Wenn du das lässt, dann hat dein Baby die Möglichkeit es selbst zu lernen, was seine intrinsische Motivation stärkt!“ oder „Diese Erfahrungen helfen deinem Baby bei…“.

Aber es scheint besser anzukommen Eltern Angst zu machen. Darauf zu fokussieren was man alles kaputt machen kann, anstatt darauf, was man alles erreichen könnte.

Was ich weiß – weiß mein Nachbar noch lange nicht

Ein weitere Punkt, der mich manchmal sehr verwundert, ist die Annahme, dass Eltern, die etwas falsch machen, dies in vollem Bewusstsein (vielleicht sogar extra? Oder zumindest weil sie einfach faul sind!) machen. Aber ich kann doch nicht davon ausgehen, dass jemand alles weiß, was ich weiß.

Vor allem in Punkto Erziehung und Kinder gibt es so unglaublich viel zu wissen, dass niemand mir erzählen kann, dass er da allumfassend informiert sei. Und wenn ich mir das bewusst mache, dann kann ich mich doch über Fehler anderer Eltern erst dann aufregen, wenn ich zumindest mal nachgefragt habe. Ob sie wissen, dass das was sie tun, nicht so toll ist? Und selbst wenn sie dies wissen, müsste ich nun weiter fragen: Ob sie dies trotzdem immer so machen, ob Heute vielleicht eine Ausnahme ist, ob sie einen speziellen Grund haben es so und nicht anders zu machen.

Ich glaube, dass (so gut wie) alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen.

Und das es mir verdammt noch mal nicht zusteht über eine andere Mama zu urteilen. Ja, das ist schwer. Manchmal ist es einfacher zu denken, dass die Frau, die da gerade ihr Kind hinsetzt dies aus Bequemlichkeit tut. Dass sie eine schlechtere Mama ist als ich es bin (jetzt mal ganz ehrlich, wer fühlt sich nicht gut, wenn er merkt, dass man selber etwas richtig macht, was der andere falsch macht?).

Aber es ist nicht in Ordnung!

4. Toleranz

Wir alle fordern Toleranz. Wollen, dass andere uns nicht verurteilen. Überlegen vielleicht super lange ehe wir eine Entscheidung treffen und haben dann einen triftigen Grund es genau so zu machen. Wir wollen, dass wir nicht schief angeguckt werden, wenn unsere Kinder in der Öffentlichkeit mal laut sind. Oder wenn wir mal die Beherrschung verlieren und jemand dies zufällig mitbekommt.

Und gleichzeitig sind wir es, die anderen ständig Ratschläge geben. Die damit drohen, dass das Kind einen Haltungsschaden bekommt. Emotional geschädigt wird. Wir sind diejenigen, die die Nase rümpfen, wenn die andere Mutter ihr Kind nicht beruhigen kann. Wir sind es, die von oben herab schauen, wenn unsere Kinder ruhig sind und die am Nachbartisch wild umher laufen.

Wir sind diejenigen, die einer müden Mutter weiß machen, dass unser Baby quasi seit der Geburt durchschläft. Und wir sind diejenigen, die eine Augenbraue hochziehen, wenn die andere Mama einen Kuchen mitbringt, der nicht selbstgebacken ist. Wir beschweren uns darüber, dass zwischen Müttern ein Konkurrenzkampf herrscht, anstelle von Zusammenhalt und im gleichen Atemzug erzählen wir der Nachbarin noch schnell, dass die Trudi ihr Kind einfach total verzieht.

Damit will ich nicht sagen, dass wir ab jetzt alles hinnehmen müssen. Dass Ratschläge ganz und gar verboten gehören. Aber ich wünschte mir, dass wir anders damit umgehen würden. Dass wir die Mutter einfach nett fragen, warum sie dieses und jenes so macht. Nicht um sie zu verurteilen, sondern aus echtem Interesse. Weil ich selbst so vielleicht sogar noch etwas lernen kann. Und aus solchen Gesprächen kann sich so viel entwickeln!

5. Eltern als Experten

Während der Ausbildung habe ich vor allem eins gelernt:

„Eltern sind die Experten für ihre Kinder und alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind.“

Und wenn wir alle nach diesem Grundsatz leben und anderen Eltern mit dieser Haltung begegnen, dann kommt die Toleranz von selbst. Und klar ist dabei natürlich: Da wo Gewalt anfängt, da hört Toleranz auf. Dabei sollte aber auch jedem klar sein, was Gewalt ist – und was nicht.

Wer nicht aushält, dass andere Mütter etwas anders machen, der kann dies natürlich sagen. Aber erwarten, dass der andere sein Verhalten ändert, kann er nicht. Am Ende ist es mein Leben, mein Kind und meine Entscheidung. So wie du nicht willst, dass ich dir meine Sicht überstülpe und aufzwinge, genauso wenig will ich das.

Akzeptieren müssen wir genauso, dass mir etwas wichtig ist – und dir nicht. Das ist wie mit vegan – vegetarisch – omnivor. Es ist eine persönliche Entscheidung. Man kann darüber reden, diskutieren aber bekehren kann man niemanden. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Und so wie der Veganer wünscht, dass eine Entscheidung akzeptiert wird, genauso sollte er die Entscheidung der anderen akzeptieren.

Zu guter Letzt:
Übrigens habe ich zum Thema „Sitzen“ noch mal gegoogelt und dabei dies gefunden: „Von Schäden durch zu ­frühes, gelegentliches Sitzen sei nichts bekannt – genauso wenig wie durch Lauflernhilfen, die aber ein Unfallrisiko mit sich bringen.“ (http://www.baby-und-familie.de/)

Und falls jemand meint, dass das frühe Sitzen doch schon ab der ersten Minuten schädlich ist, der mag sich gerne bei mir melden und mir echt Belege dafür geben. Keine „Experten“-Meinungen oder Artikel, sondern wirkliche Studien dazu. Ich konnte keine finden.

2 KOMMENTARE

  1. Ich hab mich mal beim Kinderarzt erkundigt, weil mein Kleiner so gerne auf meinem Schoss sitzt und die Welt anstaunt oder etwas mit seinen Händen entdeckt. Er meinte auch, so wie ich ihn halte sei das nicht schädlich, da er durch meine Arme seitlich gestützt und mit dem Rücken an mich gelehnt sei. Genau so wenig sieht er ein Problem im „Schmetterlingssitz“ meiner Mittleren. Da kann man ja auch Horrorstories lesen. Ich bin nur zufällig mal darauf gestossen, vorher hatte ich mir nie Gedanken deswegen gemacht…

    • Ja, es kommt wohl auch sehr darauf an, wie man die Kleinen hinsetzt… Und Horror-Storys kann man ja (fast) zu allem lesen, wenn es danach geht, dürfte man am besten gar nichts mehr 🙂 Ich denke, man muss halt immer alles ins Verhältnis setzen. Und (so wie du es ja machst) lieber mal den Arzt fragen, als Dr. Google 😀

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