High Need als Chance – Warum es so wichtig ist, die Schwächen unserer Kinder zu kennen

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high need als chance
© N_Sakarin / Bigstock.com

Momentan gibt es öfter mal Artikel, die Mamas nahe legen ihre Babys nicht als High-Need -Babys (oder auch jegliche andere Bezeichnung, die nahe legt, dass sich das Baby / Kind irgendwie besonders verhält) zu bezeichnen. Manch ein Artikel geht gar soweit zu behaupten, dass nicht die Babys besonders anstrengend, sondern einfach die Mamas nicht belastbar genug sind.

Schlimm finde ich daran, dass solche Artikel erreichen, dass sich betroffene Mamas doppelt schlecht und ungenügend fühlen. Der „Nutzen“ solcher Artikel besteht dabei lediglich darin, dass sich alle anderen stolz auf die eigene Schulter klopfen und überlegen fühlen können. Es folgen dann oft Kommentare wie „Stimme ich absolut zu! Ich würde mein Kind nieeeee so abstempeln!“

Übersehen wird dabei aber etwas ganz essentielles: Es geht gar nicht darum das Kind abzustempeln. Es geht nicht darum irgendeinen Wettbewerb (mein Kind ist viiiiel anstrengender als deins!) zu gewinnen. Es geht lediglich darum, für besondere Verhaltensweisen des Kindes Worte zu finden.

Stärken und Schwächen

Natürlich sollten wir den Blick auf Stärken und Kompetenzen richten (ressourcenorientiert erziehen) aber wir werden unseren Kindern nicht gerecht, wenn wir ihre Schwächen einfach ausblenden.

Wir alle haben unsere Schattenseiten. Unsere Kinder auch. Ich finde es unheimlich wichtig diese zu kennen. Denn nur dann kann ich meinem Kind dabei helfen, mit diesen zu leben und sie zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Unser Sohn ist ein High-Need-Baby. Dabei geht es mir überhaupt nicht darum endlich einen Stempel zu finden und mich nun entspannt zurück zu lehnen. Ich erzähle es im Alltag auch nicht lauthals herum. Mit anderen Mamas (oder Papas und anderen Personen) rede ich darüber gar nicht. Denn in den allermeisten Situationen ist es gar nicht relevant.

Für mich ist das wichtig, weil ich dadurch weiß, dass dieses Verhalten tatsächlich etwas von der Norm abweicht. Ich kann ihn gezielt beobachten und schauen, wie er sich in bestimmten Situationen verhält und diese Beobachtungen sinnvoll interpretieren.

Warum das wichtig ist?

Weil ich der Meinung bin, dass unsere Aufgabe als Eltern hauptsächlich darin besteht unseren Kindern Werkzeuge an die Hand zu geben. Werkzeuge, die sie später befähigen SELBST für sich zu sorgen. Nicht nur im materiellen Sinne, sondern auch in jedem anderen. Ich möchte, dass mein Kind später glücklich ist. Nicht, weil er ein tolles Haus, Auto oder eine schöne Freundin hat. Sondern aus sich selbst heraus.

Wer sein Glück von äußeren Umständen abhängig macht, wird nie mals frei sein.

Ich bin davon überzeugt, dass Zufriedenheit vor allem daraus entsteht, dass man mit sich selbst im Reinen ist. Dass man weiß, wer man ist. Mit allen Stärken und Schwächen. Dass man sowohl seine Stärken, als auch seine Schwächen für sich einsetzen und nutzen kann.

Das hört sich leicht an. Und ist so unendlich schwer.

Ich (und Finn ebenso!) will meinem Sohn dabei helfen so gut ich kann. Für mich bedeutet das, dass ich seine Schwächen genauso kenne wie seine Stärken. Solange er klein ist bedeutet es vor allem, dass ich ihn auffange. Ihm helfe Vertrauen aufzubauen. Vertrauen, dass jemand da ist, egal wie er sich benimmt. Egal, was er tut.

Außerdem sehe ich schon jetzt, welche positiven Konsequenzen seine „schwierigen“ Verhaltensweisen haben. Ja, er weint viel und ist sehr oft unzufrieden. Das ist vor allem für uns Eltern wahnsinnig anstrengend. Aber weißt du was? Dafür kann er mit neun Monaten an Gegenständen entlang laufen. Er zieht sich überall hoch und steht schon allein.

Er hat so einen unheimlich starken Antrieb. Er WILL. Das finde ich toll! Mir ist dabei nicht mal wichtig, was er am Ende tatsächlich erreicht, sondern dass er sich so anstrengt. Das finde ich einfach bewundernswert.

Auch dass er abends sehr an mir hängt und ich meinen Blick nicht abwenden darf, zeigt mir etwas Wundervolles: Er baut tiefe Verbindungen auf. Er liebt. Und alles, was ich mir wünsche ist, dass er diese Fähigkeit behält.

Für fast jedes anstrengende Verhalten lässt sich eine Situation finden, in der dieses Verhalten vorteilhaft ist. Wir müssen nur genau hinschauen. Unser Kind beobachten und davon wegkommen Verhalten oberflächlich in gut oder schlecht einzuteilen. Denn letztendlich ist die Bewertung immer auch von der Situation abhängig. Auch ein eigentlich „gutes“ Verhalten kann in bestimmten Situationen schlecht sein.

Gesellschaftliche Normen

High Need ist für mich nichts Negatives. Es ist einfach eine Sammlung bestimmter Verhaltensweisen. Verhaltensweisen, die es Eltern manchmal schwer machen und sie besonders fordern. Negativ ist es nur, weil es von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Das wiederum spielt leider eine Rolle, weil wir in dieser Gesellschaft funktionieren müssen.

Mein Baby kann ich davor noch weitestgehend schützen und in unserem familiären Rahmen so auf ihn eingehen, wie er es braucht. Aber er wird größer und irgendwann werden die Ansprüche, die andere an ihn stellen, wachsen. Irgendwann wird er in einem Kindergarten oder spätestens in einer Schule allein – ohne mich – klar kommen müssen.

Bis dahin habe ich zum Glück noch eine Menge Zeit. Diese Zeit will ich nicht dafür nutzen hier „perfekte Welt“ zu spielen. Ich will sie nutzen, um mein Kind so gut wie möglich kennen zu lernen. Mit allen Facetten. Ohne Wertung. Ich will ihm helfen groß und strak zu werden. Er selbst zu werden.

Selbstreflexion ist eine der Königsdisziplinen. Und ich bin mir ehrlich nicht sicher, in wie weit Kinder dies erlernen und für sich nutzen können. Aber ich werde meinem Sohn alle Werkzeuge schon von klein auf an die Hand geben.

Wir sollten aufhören Verhalten nur in „negativ“ und „positiv“ einzuteilen, sondern sehen, dass die Bewertung immer auch situationsabhängig ist (okay, nicht immer, aber zumindest oft). Dann können wir vielleicht anfangen unsere Kinder in ihrer Gesamtheit zu sehen ohne dabei Angst haben zu müssen, dass ihre Schwächen die Stärken überdecken.

Ein kurzes Wort zur „Inklusion“

Das ist es auch, was mich an dem Konzept der „Inklusion“, wie es momentan propagiert wird, stört: Hier wird versucht alle Kinder in die gleiche Form zu pressen. Das klappt schon bei den gesunden Kindern nicht immer, bei denen, die körperlich oder geistig etwas weiter von der Norm entfernt sind, ist das aber einfach grausam.

Wenn wir einfach übergehen, dass ein Kind gewisse Schwächen hat und wir es nur um der Teilhabe willen in Regelschulen schicken, in denen es einfach nicht zurecht kommen kann, dann tun wir weder diesem Kind einen Gefallen, noch den anderen Kindern in der Klasse oder den Lehrern. Und am Ende ist doch allen klar, dass es hier nicht wirklich um Teilhabe geht, sondern vor allem darum, Geld zu sparen. Dies aber mit dem Vorwand, man wolle ja den Kinder helfen ihre Schwächen zu überdecken, ist einfach nur heuchlerisch.

Wieso können wir den Unterschieden nicht Rechnung tragen und akzeptieren, dass Menschen verschiedene Voraussetzungen haben? Und das nicht nur im Positiven, sondern eben auch im Negativen?

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Nele

Hi! Ich bin Nele. Erzieherin, Bachelor-Psychologin und seit 11/2016 Mama von einem bezaubernden Babyjungen. Hier auf meinem Mama-Blog erfährst du, was mich bewegt und beschäftigt.

4 KOMMENTARE

  1. Toller Text und wirklich gut geschrieben!

    Wow… von der neuen Wendung, dass es „High Need“ nicht gibt, habe ich noch gar nichts mitbekommen!
    Ich hatte mich in der Schwangerschaft schon etwas mit dem Thema beschäftigt, da bei mir mehrmals schon die Vermutung geäußert wurde, dass ich hochsensibel bin und ich die Befürchtung hatte, es an meine Kleine weiter zu geben.

    Übrigens auch ein neuer Begriff, früher war ich noch einfach „sehr sensibel“, inzwischen höre und lese ich den Begriff immer häufiger wie z.B. „was bedeutet es, mit einem hochsensiblen Partner zu leben?“. Immer mehr Erwachsene, bevorzugt Frauen, benutzen den Begriff, um Gefühlsausbrüche und persönliche Einstellungen zu untermauern.

    Also ist es jetzt bei Erwachsenen angekommen, aber wenn ein Baby andere/mehr Bedürfnisse hat, ist es nur eine Erfindung, damit sich überforderte Mütter entschuldigen können? Das finde ich sehr traurig…

    Deshalb finde ich es aber so gut, dass du das Thema noch mal aufgreifst und darauf aufmerksam machst, dass es „High Need“ gibt und es nicht unbedingt etwas Negatives ist, sondern einfach eine andere Weise auf die Sicht der Dinge, die deinem Kleinen in Zukunft wahrscheinlich da weiter bringen wird, wo andere „Normalos“ scheitern!

    • Danke dir!

      Das Problem liegt glaube ich vor allem darin, dass manche denken, dass „High Need“ ein Stempel wäre unter dem das Kind leidet. Was meiner Auffassung nach einfach nicht sein sollte. Darum hier meine Sichtweise dazu 😉

      Von hochsensibel lese und höre ich in letzter Zeit auch vermehrt und ich finde es schön, dass Menschen dadurch einen anderen Zugang zu sich selber finden und sich auch teilweise besser verstehen und akzeptieren können. Natürlich fragt man sich manchmal, ob dieser Begriff nicht etwas zu häufig verwendet wird aber wenn das letztendlich dazu fühlt, dass sich jemand zufriedener fühlt, ist es doch irgendwie gut 🙂

  2. Hi,
    Ich bin zufällig auf deinen Artikel gestoßen, und du sprichst mir aus dem Herzen.

    Bin selber Mama von 2 „high-Need Kindern“ und ich kann sagen, einfach einen Begriff zu kennen, der die Verhaltensweisen bündelt, hat mir sehr geholfen. Nicht, um irgendwen zu beeindrucken oder Mitleid zu erhaschen (Ich sage immer, meine Kinder sind genauso normal und unnormal wie alle anderen Kinder auch). Sondern einfach um zu wissen, dass ich nicht „verrückt“ bin mit meiner Wahrnehmung. Und dass ich Strategien entwickeln kann, mit denen ich meine Kinder bestmöglich unterstützen kann.

    Vorher habe ich immer gezweifelt. An mir als Mama! Warum schreit mein Kind stundenlang, während die anderen Kinder schlafen? Warum lässt sich mein Kind nicht in den Kinderwagen legen? Warum übt es wie besessen laufen, obwohl ihm schon die Beinchen wehtun? Was mache ich nur falsch?!
    Bei meinem ersten Kind wurde ich ins kalte Wasser geworfen und es hat lange gebraucht (burnout inklusive) bis ich verstanden habe, was los ist. In der Zeit habe ich nicht nur viel über mein Kind, sondern auch über mich selbst gelernt (lernen müssen), z.B. über meine Hochsensibilität.

    Beim Junior war ich besser vorbereitet. Trotzdem habe oft geheult und gedacht „Ich kann nicht mehr.“

    Das Besondere bei (meinen) high Need Kindern ist, finde ich, sie lassen sich überhaupt keinen Stempel aufdrücken! Würde man es versuchen, würden Sie sich lautstark dagegen wehren. Ich erinnere mich, dass ich selbst es als Kind immer schrecklich fand, irgendwie tituliert zu werden. Ich wollte immer nur „Ich“ sein, so authentisch wie möglich. Bei meinen Kindern erkenne ich dieses Verhalten wieder.

    Mit meinem großen Kind rede ich z.B. auch über ihre und meine Hochsensibilität (möglichst ohne es zu werten). Es hilft ihr genauso wie mir, einfach zu wissen, das ihre Gefühle zwar manchmal abweichen (vor allem in ihrer Intensität), dass sie aber trotzdem normal und auch real sind. Ich denke, dieses Wissen und das Verständnis, das wir als Eltern zeigen, hilft enorm, eine gesunde Identität aufzubauen.

    Liebe Grüße ☺

    • Hallo Julia,
      genau das wollte ich damit sagen und es freut mich, dass man es so versteht (manchmal bin ich mir nicht so sicher, ob ich mich klar ausdrücke^^).

      Was du über deine Kinder schreibst, liest sich sehr toll und kann ich nur unterschreiben: Sie sind alle verschieden, haben ihre Eigenheiten und sind auf ihre Art besonders. Und manchmal hilft es einfach zu wissen, dass die eigene Wahrnehmung nicht völlig verkehrt ist. Dass man nicht einfach nur „unfähig“ ist 😉

      Mit seinen Kindern über diese Themen zu reden, halte ich für extrem wichtig und ich bin schon sehr gespannt, wie sich das bei uns entwickeln wird.
      Liebe Grüße 🙂
      Nele

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