Trauern über Fehlgeburten – von Unverständnis und unsensiblen Ratschlägen

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Fehlgeburt Trauer
© Bychykhin Olexandr / Bigstock.com

Wer hier regelmäßig liest, der weiß, dass ich Anfang letzten Jahres eine Fehlgeburt hatte. Es war noch sehr früh und im Ultraschall habe ich nicht mal das Herzchen schlagen sehen und trotzdem hat mich das damals ganz schön aus der Bahn geworfen.

Mittlerweile liegt mein Sohn neben mir und schläft. Und dennoch lässt mich das Thema Fehlgeburt nicht los. Auf vielen Blogs berichten Frauen über ähnliche Erfahrungen und Erlebnisse und eines liest man dabei immer wieder: Auf wie viel Unverständnis man stößt, wenn man über eine “frühe” Fehlgeburt trauert. Früh meint damit vor der 12. Woche, meist sogar schon in den ersten 5 bis 8 Wochen der Schwangerschaft.

Im Rahmen der Aktion “Alle reden über Trauer” von Silke vom Blog inlautertrauer.de möchte ich hier noch einmal auf dieses Thema eingehen.

Fehlgeburt: Wenn man um ein “hätte” trauert

Wenn man eine Fehlgeburt hat, dann trauert man nicht um einen bestimmten Menschen. Dieses Wesen, das da eigentlich in einem wachsen sollte, kennt man ja noch gar nicht. Man weiß oft nicht einmal ob es ein Junge oder ein Mädchen werden würde. Doch vor allem, wenn man eine Schwangerschaft herbeigesehnt hat, wenn man sich wahnsinnig über den positiven Test gefreut hat und es kaum erwarten kann der ganzen Welt von diesem wundervollen Ereignis zu erzählen, genau dann, trifft einen der Verlust völlig unvorbereitet.

In diesem Moment sind es keine Erinnerungen, die schmerzen, sondern all die Träume, Wünsche und Hoffnungen, die man auf einmal loslassen muss. Man hat meist keine Andenken, außer vielleicht einem Ultraschallbild, auf dem man noch nicht einmal erkennen kann, dass dieser Punkt einmal ein Mensch werden würde. Man hat keine Erinnerungen, keine gemeinsame Vergangenheit.

Und weil man das alles nicht hat, fällt es vielen Unbeteiligten schwer diese Trauer nachzuvollziehen. Zu verstehen, dass ein solcher Verlust dennoch schmerzen kann. Zu akzeptieren, dass man nach so einem Erlebnis ein Recht auf seine Trauer hat.

Unverständnis zeugt meist von Unwissenheit

Am wenigsten Verständnis zeigen oft die Leute, die selber nie eine solche (oder ähnliche Situation) erlebt haben. Manchmal sind das Kinderlose. Manchmal Paar, die selber mehrere gesunde Kinder haben und nie mit dem Thema Fehlgeburt in Berührung gekommen sind. Manchmal sind es aber auch Menschen, die selber gerade erst einen Verlust erlitten haben und nicht verstehen können, wie man um etwas trauern kann, dass noch gar nicht wirklich da war.

Doch da war “etwas”. Ein Minimenschlein. Und das einzige, was ich mir wünschte, wäre, dass man dem anderen seine Trauer lässt. Dass man andere in ihrem Tempo verarbeiten lässt. Dass man nicht versucht zu messen, welcher Verlust nun schwerer wiegt oder wer mehr “Recht” hat zu trauern.

Denn vielleicht hat die Frau, die gerade eine Fehlgeburt hatte seit Jahren versucht schwanger zu werden. Und selbst wenn sie Zuhause schon ein, zwei, drei oder wie viele Kinder auch immer hat, vielleicht war diese Schwangerschaft ein Herzenswunsch. Und selbst wenn die Schwangerschaft ganz ungeplant entstanden ist, wer weiß schon, ob nach dem ersten Schock nicht die Liebe und Vorfreude stetig wuchs.

Bevor Du urteilen kannst über mich oder mein Leben,
ziehe meine Schuhe an und laufe meinen Weg,
durchlaufe die Straßen, Berge und Täler,
fühle die Trauer, erlebe den Schmerz und die Freude.
Durchlaufe die Jahre, die ich ging,
stolpere über jeden Stein, über den ich gestolpert bin,
stehe immer wieder auf
und gehe genau die selbe Strecke weiter,
genau wie ich es tat.
Erst dann kannst Du über mich urteilen.

Wenn Ratschläge Schläge sind

“Sei doch froh, dass es jetzt passiert ist und nicht in der soundsovielten Woche!”
“Das ist doch besser als wenn du ein behindertes Kind bekommen würdest!”
“Sei froh, so kannst du noch ein paar Monate mehr dein ungebundenes Leben genießen!”
“Vielleicht seid ihr einfach noch nicht bereit Eltern zu werden.”

Mein Kopf, der versteht diese Sätze irgendwie. Die Logik dahinter. Irgendwie. Doch mein Herz nicht. Ich möchte meinen Verlust betrauern dürfen. Solange ich will. In der Form, die ich für angemessen halte. Ich will mich nicht rechtfertigen. Und ich will erst recht nicht, dass mein Schmerz heruntergespielt wird. Ja, es gibt schlimmeres. Aber das kann man doch immer sagen. In jeder Situation findet man eine andere, die noch schlimmer wäre.

Was ich mir stattdessen wünsche?

Ganz einfach:
“Es tut mir leid. Ich bin für dich da!”
Ehrlich. Aus vollem Herzen.

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10 KOMMENTARE

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Alle meinten ich wäre bescheuert zu Trauern. Aber auch wenn man so ein kleines Wunder ganz am Anfang verliert setzt bei vielen der schmerz tief ich habe lange gebraucht damit klar zu kommen.
    Auch in meiner derzeitigen Schwangerschaft lässt mich dieses Thema nicht los.

    • Liebe Melissa,
      ich kann dich gut verstehen! Auch ich hatte in der Schwangerschaft danach solche Angst. Zum Glück ist alles gut gegangen und nun ist unser Babyjunge schon 3 Monate bei uns (damals dachte ich manchmal wirklich, dass ich das nie erleben darf).
      Ich wünsche dir von Herzen, dass alles gut geht und du eine tolle Schwangerschaft erleben darfst!
      Die allerbesten Wünsche
      Nele

  2. Ich habe am Donnerstag in der 9. Woche eine Fehlgeburt erlitten bzw wurde diese mittels Wehenmitteln eingeleitet, da der Fötus nicht mehr lebte.
    Heute haben wir es meinen Schwiegereltern gesagt, die zuvor noch nichts von der Schwangerschaft wussten.
    Meine Schwiegermutter hätte es sonst auf der Familienfeier anlässlich des 60. Geburtstags meines Schwiegervaters stolz und freudig der 50 köpfigen Meute verkündet.
    Einer der Gäste stellte dennoch die Vermutung an, dass ich schwanger sei, doch ich redete mich raus.
    Wir wissen um die Risiken der Schwangerschaft in meinem Fall durch eine Autoimmunerkrankung und wollten die erste heiße Phase abwarten.
    Meine Schwiegermutter war zunächst bestürzt, doch ihre Erklärung für das Geschehene schockiert mich sehr.
    Es ist meine Schuld, dass ich das Kind verloren habe, weil ich nicht dazu gestanden habe. Das Leugnen der Schwangerschaft wurde nun bestraft.
    Ich bin fassungslos.
    Mein Mann hat mich umgehend heim gebracht und will morgen noch mal mit ihr darüber sprechen.

    • Liebe Corinna,
      mir fehlen die Worte!
      Dein Verlust tut mir wahnsinnig Leid! Was deine Schwiegermutter da sagt, ist einfach unfassbar. Ich glaube, dass manchen Menschen leider oft nicht bewusst ist, wie sehr ihre Worte uns treffen und verletzen. Ich hoffe, dass das Gespräch für Klärung sorgt und deine Schwiegereltern einsehen, dass ihre Worte einfach wahnsinnig unangebracht und falsch waren.
      Von Herzen wünsche ich dir, dass du bald wieder schwanger wirst und dann eine Traum-Schwangerschaft und 9 Monate später dein Baby auf dem Arm hast. Die Kinderwunsch- / Familiengründungszeit ist leider oft schwer und manchmal unerträglich.
      Egal was kommt, ich wünsche dir ganz viel Kraft und Liebe!

  3. Ich sitze gerade allein zu Haus….Und verliere mein Baby….Ich bin in der neunten Woche… Es ist meine zweite Fehlgeburt. ..Ich hatte so sehr Angst, dass es nochmal passiert. …Und jetzt sitze ich hier und erlebe es nochmal. Ich hab es ..bis auf meinem Mann auch niemandem gesagt. …Ich möchte nicht, dass alle um mich rum dann mit Sprüchen kommen. Ich hatte vor drei Wochen einen Autounfall. .Nicht sehr schlimm aber mit Schock und leichtem Schleudertrauma. .. Vielleicht darum….Ich frage mich die ganze Zeit warum das passiert…..

    • Liebe Mandy,
      aus der Ferne drücke ich dich und sende dir viele gute Gedanken und Kraft!

      Ich weiß, wie die Frage, ob man etwas hätte anders machen können, einen quälen kann. Aber leider können wir die Zeit weder zurückdrehen noch anhalten (glaube mir, ich hätte es auch ohne zu zögern getan!). Auch die Frage warum dies passiert, wird für die meisten unbeantwortet bleiben. Wenn du kannst, versuche dich nicht mit diesen Fragen zu quälen.

      Ich wünsche dir für die kommende Zeit einen Partner, der fest zu dir steht und dir Kraft geben kann. Zusammen werdet ihr das schaffen! Ich habe sehr viel über das Thema gelesen und vielleicht macht dir eins ein bisschen Hoffnung: Die aller-, allermeisten Paare halten irgendwann ihr Baby in den Armen. Ich wünsche dir von Herzen, dass dies bald sein wird.
      Alles Liebe
      Nele

  4. Hallo Nele,
    ich bin Diabetikerin und habe einen, nun schon, 9 jährigen Sohn. Nach 4-5 Jahren nach seiner Geburt wollten wir es noch einmal probieren. Ich wurde nicht schwanger, Jahr um Jahr nicht. Aber meine Beschwerden rund um den Zyklus nahmen so stark zu, dass ich zeitweise zusammenbrach. Endlich hatte ich eine Antwort: Endometriose. Ich wurde operiert und bekam Medikamente, die das Schleimhautwachstum trosseln sollten. Ein halbes Jahr darauf stellten wir unsin einer Kinderwunschklinik vor. 2 Versuche unternahmen wir. Beim 2.Versuch klappte es. Vor einer Routineuntersuchung in der 9. Woche sagte ich zu der Ärztin, dass es sich sehr eigenartig anfühlen würde. Als wäre ich nicht mehr schwanger. Als sie mich dann untersuchte bestätigte sie meine Vermutung ziemlich trocken. Ich würde mich nicht mehr schwanger fühlen weil ich eben nicht mehr schwanger sei.
    Auch in der Klinik nach der Ausschabung wurde ich sehr unsensibel behandelt. Ich lag nach dem Eingriff sogar in einem Zimmer mit 2 frischgebackenen Mamas.
    Ich habe sehr sehr lange gebraucht um das zu verarbeiten bzw. tue dies immer noch.
    Da ich nun wieder bzw. weiterhin die Medikamente zu mir nehme wird sich wohl nix bei mir einnisten. Durch den Diabetes ist es schon schwierig schwanger zu werden aber mit der Diagnose Endometriose werd ich mich wohl von einem 2. oder gar 3. KIind verabschieden müssen.
    Das Gefühl keine richtige Frau zu sein, nicht das leisten zu können für das man gebaut worden ist ist schlimmer als die Sprüche: “Sei doch froh, du hast ja schon ein Kind.“, “Es war doch noch gar nicht wirklich da so früh.“ oder “Das wär bestimmt behindert gewesen. Das hättest du doch gar nicht geschafft.“. Zum Teufel! Was bilden sich die Leute denn eigentlich ein so urteilen zu dürfen.

    Ich danke dir für diesen Beitrag, Nele. Er hat mir wirklich aus der Seele gesprochen. Wenn man nicht so verletzt und niedergeschlagen wäre in so einem Moment könnte man ordentlich Paroli bieten und dann würden vielleicht nicht so viele dämliche Sprüche kommen.

    • Liebe Silvia,
      wenn ich deine Geschichte lese, dann weiß ich kaum, was ich dazu schreiben kann. Es tut mir so Leid für dich und ich wünschte, dass die Menschen etwas sensibler und verständnisvoller wären.
      Deine Geschichte zeigt, dass wir eine Situation von außen einfach nie vollständig einschätzen können. Danke, dass du deine Geschichte hier mit uns teilst!
      Ich wünsche dir für die Zukunft, dass ihr glücklich seid. Dass du den Verlust verarbeiten kannst und ihr euren Weg findet.
      Alles Liebe
      Nele

  5. Liebe Nele,
    ich danke Dir für diesen wunderbaren Beitrag. Es tut so gut, das hier so auf den Punkt gebracht zu lesen, was mir gerade alles durch den Kopf geht.
    Ich habe in der letzten Woche unser Würmchen in der 6. SSW verloren. Wir versuchen schon so lange, ein Kind zu bekommen und haben uns über den positiven Test irrsinnig gefreut. Keine zwei Wochen später war es vorbei. Ich war vollkommen am Boden und komme erst jetzt ganz langsam wieder auf die Beine, aber es wird noch lange dauern, bis ich mich wieder ganz fühlen werde.
    Ich habe zum Glück viel Verständnis und viele liebe Reaktionen erfahren. Aber leider auch viel Unverständnis, dass ich immer noch (es ist doch gerade erst eine Woche her!) durchhänge. Hätte ich dafür gerade Kraft, wäre ich furchtbar wütend.
    Dein Beitrag hilft ein wenig, mich zu trösten. DANKE!

    • Liebe Elli,

      dein Verlust tut mir sehr Leid!
      Es freut mich, dass mein Text dir zumindest ein bisschen hilft und ich bin immer wieder erstaunt, dass manche Menschen so unsensibel sind.
      Ich wünsche dir von Herzen, dass du den Verlust gut verarbeiten kannst und ihr bald euer Wunschkind im Arm halten dürft!
      Alles Liebe
      Nele

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