Body Shaming: Warum ich Angst hatte nach dem Essen auf Toilette zu gehen

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Heute gibt es mal einen Post, der nur am Rande was mit Kindern, Schwangerschaft oder Erziehung zu tun hat. Einen Post, der sehr persönlich ist und von dem ich hoffe, dass er so aufgefasst wird, wie ich ihn meine. Als Aufruf endlich zu akzeptieren, dass jeder Körper schön ist. Dass niemand aufgrund seines Körpers beleidigt werden sollte – egal, ob zu dick oder zu dünn.

Ich wiege 43 kg bei 1,64 m (Vor der Schwangerschaft!)
So. Wenn ich diese Zahlen lese, dann finde ich das gar nicht schlimm. In unserer Gesellschaft ist das aber weit unterhalb des Durchschnitts. Mein BMI liegt bei 16. Das liegt im untergewichtigen bis sogar stark untergewichtigen Bereich. Aber weißt du was? Mir geht es gut! Ich bin nicht krank. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Diät gemacht um abzunehmen. Ich esse was ich will, wann ich will. Ich liebe Süßigkeiten. Ich steh auf Sahne, Käse, Butter und Marzipan (Dinge, die angeblich super schnell dick machen).

Nein. Ich bin weder Magersüchtig, noch leide ich unter Bulimie. Mein Arzt hat schon mehrmals meine Blutwerte gecheckt um eine Schilddrüsen-Über- oder -Unterfunktion auszuschließen und alles ist top. Außer mein Cholesterin-Wert, der ist wohl leicht erhöht.

Und allen, die sich jetzt fragen, wo mein Problem sei, dass in unserer Gesellschaft „dünn sein“ doch total super sein muss, allen, die denken, dass es dünne Frauen in Zeiten von Magermodels super leicht hätte, denen möchte ich an dieser Stelle meine Wahrheit schildern.

Ich bin so dünn, seit ich mich erinnern kann. Ich war schon in der Grundschule ein „Fliegengewicht“. Und seit ich mich erinnern kann, werde ich aufgrund meines Gewichts und meines Körpers beleidigt. Das fängt bei Sprüchen wie „Storchenbein“ oder „Streichholzarm“ an und geht soweit, dass ich, nachdem ich auf Toilette war, gefragt wurde, ob ich jetzt mein Essen wieder ausgek**** hätte. Deshalb habe ich mich in meiner Jugend irgendwann nicht mehr getraut nach dem Essen auf Toilette zu gehen. Selbst wenn ich eigentlich musste. Ich wollte die Gerüchte nicht noch anheizen.

Ich entspreche nicht der Norm. Und damit scheinen viele Menschen nicht umgehen zu können. Und weißt du was? Am ungnädigsten sind dabei Frauen. Während ich von Männern eigentlich kaum etwas bezüglich meines Gewichts höre, musste ich mir von anderen Frauen schon einiges anhören. Und soll ich dir was sagen? Es ist verletzend! Egal wie es gemeint ist und wenn es nur ein Scherz ist, es tut weh!

Und wenn ich Sprüche wie „Nur Hunde spielen mit Knochen“ vor dem Hintergrund einer sehr schmalen Frau sehe, dann frage ich mich, was das für eine Welt ist. Ja, ich weiß, bei diesen Bildern geht es oft darum, dass dickere Frauen sich für ihr Gewicht nicht schämen sollen. Aber dafür werden dann dünne Frauen beleidigt? Wenn man also selber nicht in die Norm passt, dann beleidigt man einfach mal andere, die nicht in die Norm passen um sich selbst besser zu fühlen? Was für eine kranke Welt!

„So dünn wie du bist, wirst du es bestimmt schwer haben Kinder zu bekommen!“
Dieser Satz wurde mir nicht nur einmal gesagt und noch viel öfter schwang er ungesagt mit, wenn ich mich mit anderen über unseren Kinderwunsch unterhalten habe. 9 Monate haben wir versucht schwanger zu werden und dann hatte ich eine Fehlgeburt. Ich bin immer, nicht nur hier im Internet, sehr offen mit dem Thema umgegangen und oft genug wurde ich infolgedessen auf mein Gewicht angesprochen oder zumindest kritisch beäugt (ja, man sieht einfach manchmal, was Menschen denken, wenn sie einen ansehen…).

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich selber das Vertrauen in meinen Körper verloren habe. Dass ich dachte, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dass ich vielleicht doch zu wenig esse oder eine schlimme Krankheit habe. Ich habe daran gezweifelt, dass ich jemals ein Baby im Arm halten würde und war einfach nur am Boden zerstört. Und dann bin ich erneut schwanger geworden. Die ersten 12 Wochen habe ich es kaum an mich heran gelassen. Habe immer befürchtet, dass doch noch etwas passiert. Dass mein Körper das einfach nicht kann.

Doch 12 Wochen sind vergangen und das Baby blieb. Auch danach war nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen. Es hat wirklich, wirklich lange gedauert, bis ich eine echte Verbindung zu dem Baby aufgebaut habe und selbst jetzt, in der 33. Schwangerschaftswoche Zweifel ich noch am meinem Körper. Jedes Mal beim Frauenarzt frage ich nach, ob das Baby genug wiegt. Ob es gut versorgt wird. Frage mich, ob wir das bis zur 40. Woche schaffen. Oder ob mein Körper einfach doch zu dünn ist, zu wenig Kraft hat und das Baby früher kommen wird. Zum Glück ist das Baby mittlerweile so groß und reif, dass es sehr wahrscheinlich ohne große Komplikationen überleben wird. Dennoch – die Zweifel an meinem eigenen Körper belasten mich.

Egal ob dick oder dünn, wenn es dir gut geht, ist dein Gewicht perfekt!
Ich schreibe diesen Artikel, weil ich darauf aufmerksam machen möchte, dass nicht nur dicke Menschen darunter leiden, wenn sie aufgrund ihres Gewichts oder Aussehens beleidigt werden. Auch wer ständig zu hören bekommt er habe Segelohren, eine schiefe Nase, Augen, die zu weit auseinander stehen oder eine Warze irgendwo, fühlt sich dadurch bestimmt nicht schön und stark. Auch dünne Frauen leiden unter Beleidigungen.

Niemand sollte aufgrund seines Aussehens oder seines Gewichts beleidigt werden. Niemand. Niemand möchte das. Warum sagen wir dann solche Dinge zueinander? Warum denken wir gemeine Dinge und sprechen diese dann auch noch aus. Wir alle sollten sorgsamer miteinander umgehen und öfter mal etwas Nettes sagen. Wir sind alle nur Menschen. Menschen, mit Gefühlen, die akzeptiert werden wollen. Lasst uns endlich anfangen uns gegenseitig auch so zu behandeln!

Für mehr Toleranz, Akzeptanz und einen liebevolleren Umgang miteinander!

6 KOMMENTARE

  1. Toller Beitrag! Ich bin selbst ziemlich groß (1,80 m) und wiege „nur“ 60 kg. Ich musste mir auch schon immer viel anhören und bei jedem Arztwechsel die selben Fragen, wenn es mir mal schlecht ging… „Essen sie auch genug?“ „Treiben Sie zu viel Sport?“ „Hatten Sie schon mal eine Essstörung?“

    Nein. Nein. Nein.
    Ich esse genug, meistens eher zu viel. Mache keinen Sport (*schäm*) und „k*tzen“ finde ich eklig.
    Meine Eltern sind beide groß und schlank. Das habe ich eben so mitbekommen.

    Danke für diesen tollen Artikel!
    Ein sehr schöner Blog und ich werde ihn weiterverfolgen;0)

    Liebe Grüße
    Anna

    • Liebe Anna,
      Vielen Dank für deinen offenen Kommentar!
      Es ist schade zu hören, dass es auch anderen dünnen Frauen so geht und gleichzeitig auch irgendwie schön zu erfahren, dass das noch andere betrifft. In meinem Umfeld bin ich irgendwie die Ausnahme…
      Vielen Dank auch für das Kompliment und es freut mich, wenn man sich hier öfter mal liest 🙂
      Nele

  2. Ich kenne das auch. Ich bin seit Jahren zu dünn (gab auch schon Zeiten wo ich etwas mehr wog) und muss mir auch ab und an solche Sprüche anhören. Auch Fragen wegen Esstörungen kamen schon. Viele können sich auch gar nicht vorstellen das zunehmen genauso schwer wie abnehmen sein kann.

    • Hallo Nicole,

      schöne das du hergefunden hast 🙂
      Ja, ich habe auch schon sooo oft versucht zuzunehmen, aber dann habe ich nach kurzer Zeit einfach keine Freude mehr am Essen. Und mittlerweile glaube ich einfach auch, dass das mein „Wohlfühlgewicht“ ist. Wir sind halt einfach alle verschieden und sollten nicht immer in irgendwelche Normen gepresst werden.

      Liebe Grüße
      Nele

      P.s.: Ich habe gerade auch mal ein bisschen auf deinem Blog gestöbert und finde deine Grafiken so toll! Von so etwas habe ich überhaupt keine Ahnung, darum bewundere ich immer die, die das so schön hinkriegen 🙂

  3. Hallo Nele!

    Ich bin selbst 160cm auf 42kg.
    Kenne das Thema Fehlgeburt zur Genüge.
    ABER ich möchte dich positiv bestärken. Ich bin Ende 2014 auf natürlichem Wege mit Zwillingen schwanger geworden.
    Und ich habe Rotz und Wasser geheult und meine Frauenärztin gefragt, wie das mein Körper nur schaffen soll.
    Er hat es! 2015 kamen zwei wunderbare gesunde Wesen in mein Leben.
    Das Gewicht ist auch jetzt noch ein Thema. Aber das Vertrauen in den eigenen Körper ist gestiegen

    Alles Liebe Petra aus Österreich

    • Hallo Petra,

      wow, Zwillinge! Ich glaube da hätte ich auch noch mehr Angst. Aber es ist toll zu hören, dass es bei dir alles gut gelaufen ist. Und bisher sieht bei mir ja auch alles wirklich gut aus, aber die Zweifel kommen trotzdem manchmal hoch…

      Vielen lieben Dank, dass du deine Geschichte teilst, das macht Mut.
      Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft!
      Nele

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