Mama-Geständnis: „Ich wollte kein Mädchen“

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Mama-Geständnis
© kanzefar / Bigstock.com

In der Reihe „Mama-Geständnis“, die alle 14 Tage Sonntags hier auf dem Blog erscheint, berichten Mütter über Dinge, die sie sonst so nicht sagen würde. Es geht um kleine und große Geheimnisse. Dinge, die einen als Mama vielleicht belasten oder einfach etwas, das man endlich mal gesagt haben will. Jede Mama kann dabei selbst entscheiden, ob ihr Geständnis anonym sein soll oder sie ihren Namen angeben möchte. Ziel ist es zu zeigen, dass es normal ist, auch mal nicht so zu denken / fühlen / handeln, wie die Gesellschaft es uns gerne weiß machen will. You're not alone!

Das heutige Geständnis kommt von einer Mama, die anonym bleiben möchte. Sie ist Mama von einem 3-jährigen Jungen und einer vier Monate alten Tochter.

Ich wollte kein Mädchen bekommen. Ich habe sogar darüber nachgedacht abzutreiben.

Alle wollen ein Mädchen. Nur ich nicht

Ich lese ziemlich viele Blogs und manchmal habe ich da den Eindruck, dass viele Frauen sich Mädchen wünschen. Ich glaube, dass es daran liegt, dass Frauen sich eben besser mit Mädchen identifizieren können. Sie wissen wie sie selber als Kind waren und es fällt ihnen darum leichter sich das vorzustellen. Ich hoffe, dass es heutzutage weniger mit Klamotten oder Spielsachen zu tun hat!

Bei mir war es genau umgekehrt: Ich wollte unter keinen Umständen ein Mädchen. Als wir in der ersten Schwangerschaft erfahren haben, dass es ein Junge wird, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Das hört sich für viele merkwürdig an und ich weiß, dass ich solche Gedanken nicht laut aussprechen darf. Niemand würde mich verstehen. Ich kann das verstehen.

Unser Sohn war ein absolutes Wunschkind. Ich wollte schon immer Kinder. Doch ich hatte wirklich Angst davor ein Mädchen zu bekommen. Darum dauerte es fast 3 Jahre, bis ich bereit war es trotzdem zu versuchen. Als der Schwangerschaftstest positiv wurde, brach erst mal Panik in mir aus. Die ersten Wochen waren schrecklich. Ich hatte Angst vor einer Fehlgeburt und gleichzeitig noch mehr Angst davor, dass der Arzt sagen würde, dass es ein Mädchen ist. Als dann das Outing kam, war ich überglücklich. Der Rest der Schwangerschaft war einfach ein Traum!

Nachdem unser Sohn geboren wurde, war der Kinderwunsch für mich abgeschlossen. Ich wollte das Schicksal nicht noch einmal herausfordern. Ich habe Glück gehabt und einen wundervollen Sohn bekommen und das war alles, wovon ich je geträumt habe. Ich wollte mich nach der Geburt sterilisieren lassen, doch die Ärzte rieten mir davon ab und wollten den Eingriff nicht durchführen. Ich sei noch zu jung und es könnte doch sein, dass ich es mir noch mal anders überlege.

Ich nahm also die Pille und vertraute darauf, dass diese schon wirkt. Etwa zwei Jahre später merkte ich jedoch an meinem Körper Veränderungen. Meine Brüste spannten und mir war ständig übel. So hatte auch die Schwangerschaft mit meinem Jungen begonnen. Zuerst wollte ich es nicht glauben. Erst ein paar Tage später konnte ich mich überwinden einen Schwangerschaftstest zu machen. Der war sofort positiv.

Fast vier Wochen habe ich es niemandem gesagt. Habe mit mir gehadert. Geweint. Darüber nachgedacht abzutreiben. Gehofft. Vielleicht ist es ja ein Junge! Wie schön wäre es, wenn unser Kleiner einen Bruder hätte!

Letztendlich hat mein Mann es quasi erraten. ALs er mich konfrontierte, brach alles aus mir heraus. Mein Mann ist der Einzige, mit dem ich offen über meine Gefühle reden kann. Er weiß alles über mich und ist der Einzige, der versteht, was in mir vorgeht.

Warum ich kein Mädchen will

Dass ich kein Mädchen haben möchte, liegt nicht daran, dass ich Mädchen doof finde. Ich finde Mädchen total süß und die Tochter meiner Freundin liebe ich so sehr. Aber ich selbst wollte kein Mädchen in diese Welt setzen.

Als ich selber klein war, habe ich etwas erlebt, dass mein ganzes Leben beeinflusst. Ich wurde von einem guten Freund der Familie missbraucht und das über mehrere Jahre. Ich habe mich nicht getraut etwas zu sagen, weil dieser Mann mir gedroht hat. Außerdem hat er gesagt, dass ich selber Schuld bin. „Hättest halt kein Mädchen werden sollen! 'ne F***e ist dazu da Sachen reinzustecken“.

Aufgehört hat es erst, als wir umgezogen sind. Da war ich 13 Jahre alt und fühlte mich wie ein Scherbenhaufen. Ich habe lange gekämpft. War immer wieder kurz davor dem Ganzen ein Ende zu machen. Mit meinen Eltern habe ich bis heute nicht darüber geredet. Auch wenn ich mittlerweile weiß, dass es nicht meine Schuld ist, ist es mir peinlich und ich will nicht, dass meine Eltern mich plötzlich mit anderen Augen sehen.

Meine Rettung war, dass ich mit 17 meinen Mann kennen gelernt habe. Ich weiß nicht warum und ich weiß nicht, womit ich dieses Glück verdient habe, aber er wurde einfach so mein bester Freund. Jahrelang war er immer für mich da und hat nie etwas versucht. Als wir später mal darüber geredet haben, meinte er nur, dass ich immer so verletzt gewirkt habe, dass er sich nichts getraut hat. Er wollte schon, ihn hat aber immer etwas zurück gehalten.

Als ich 19 wurde, habe ich ihm erzählt was mir passiert ist. Es war das erste Mal, dass ich darüber gesprochen habe und es war schwer. Ich hatte wahnsinnige Angst ihn zu verlieren. Aber ich wusste, dass ich es irgendwem erzählen muss. Er war natürlich total schockiert. Gleichzeitig sagte er, dass er sich sowas schon gedacht hatte. Er wollte, dass ich Anzeige erstatte. Als ich nein sagte, wollte er, dass ich ihm sage, wo der Mann wohnt. Auch das habe ich nicht.

Wir haben die ganze Nacht geredet. Geweint. Geflucht. Männer verflucht (dass er auch einer war, haben wir in dem Moment mal ausgeblendet). Danach war für uns beide klar, dass wir ein Paar sein und bleiben werden. Sexualität war auch danach ein sehr schwieriges Thema (ist es bis heute) aber gemeinsam finden wir unseren Weg.

Was aber auch er nicht ändern konnte, war, dass ich niemals ein Mädchen in diese Welt setzen wollte.

Die Angst wird immer bleiben

Als der Arzt in der zweiten Schwangerschaft sagte, dass es ein Mädchen ist, bin ich zusammengebrochen. Mir wurde schwarz vor Augen und ich habe keine Luft mehr bekommen. Ich habe geweint und geweint und geweint. Ich habe meinen Bauch gestreichelt. Ich liebte mein Kind, doch da war diese Panik. Ich habe tatsächlich geguckt, in welchen Ländern ich nun noch abtreiben könnte. Ich war in der 15. Woche und allein der Gedanke brach mir das Herz.

Letztendlich hat wieder mein Mann mich gerettet. Er hat mir gesagt, dass er es nicht zulässt, dass ich unsere Tochter abtreibe. Und dass er genauso wenig zulässt, dass unserer Tochter das passiert, was mir passiert ist. Er hielt mich, wenn mich die Panik überkam und machte mir jeden Tag Mut. Die Schwangerschaft war ganz anders, als die mit unserem Jungen. Je näher der Tag der Geburt rückte, desto schlechter ging es mir. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich sie einfach für immer in meinem Bauch behalten.

Heute ist unsere Tochter fast vier Monate alt. Ich liebe sie, genau wie unseren Sohn, über alles. Ich bin glücklich, dass ich sie bekommen habe. Doch ich habe eine Angst um sie, die wohl kaum jemand verstehen kann. Noch ist sie ein Baby und sowieso die ganze Zeit bei mir aber sie wird größer werden. Sie wird Freiräume wollen. Dinge alleine machen. Freunde besuchen. Ich weiß, dass die größte Herausforderung für mich sein wird, ihr diese Freiräume zu geben und gleichzeitig nicht vor Angst wahnsinnig zu werden.

Ich weiß nicht, wann und ob ich meiner Tochter von meinen Erlebnissen erzählen werde. Ich will, dass sie behütet aufwächst. Ohne Angst. Ich will, dass sie die Kindheit hat, die ich gehabt hätte. Die Kindheit, von der ich immer träumte.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass kein Kind so etwas erleben muss. Ich würde mir wünschen, dass Männer (meist sind es doch Männer) sich kontrollieren.

Warum ich dir schreibe? Ich würde mir wünschen, dass Menschen aufhören so schnell über andere zu urteilen. Ich werde ständig verurteil, weil ich verschlossen und zurück haltend bin. Ich weiß wenn die Leute meine Geschichte kennen würden, würden sie anders reagieren. Wir sollten Menschen einfach nicht verurteilen, solange wir ihre Geschichte nicht kennen.

Anmerkung: Dieser Text erreichte mich anonym per Mail. Ich weiß nicht, wer die Verfasserin ist.

2 KOMMENTARE

  1. Puh, bei diesen Text bekomme ich Gänsehaut.
    Das so eine Geschichte hinter einem Geschlechterwunsch stecken kann war bis bis heute nicht bewusst.
    Ich finde es wahnsinnig mutig und wirklich sehr gut, dass die Verfasserin des Textes darüber erzählt. Das sensibilisiert Menschen für die Gefahr des Missbrauchs von Mädchen und zugleich öffnet es einem die Augen, denn man urteilt wirklich leider immer viel zu schnell. Dieses Schubladendenken muss aufhören – habe dazu auch etwas auf meinem Blog geschrieben – denn ich finde dieses Thema superwichtig!
    Der Verfasserin des Textes wünsche ich von Herzen alles Gute!
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Oh ja, als ich diesen Text in meinem Postfach hatte, musste ich das auch erstmal verdauen…
      Und es macht einem wirklich wieder einmal bewusst, dass wir andere Menschen nicht be- oder verurteilen sollten, solange wir nicht ihre Geschichte kennen.
      Liebe Grüße
      Nele

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