Mein Trage-Trauma

17
Mein Tragetrauma Titel

Als ich schwanger war, stellte ich es mir so schön und einfach vor: Ich und mein Kind unterwegs, das Kind angekuschelt an mich im Tragetuch. Zusammen streifen wir durch Wiesen und Wälder. Er schläft selig oder schaut interessiert in der Gegend herum. Sein wunderbar-weicher Babykopf unter meinem Kinn. So nah. So innig. So harmonisch. Tragen ist Liebe!

Unser Trage-Start

Leider sah mein Baby das ganz anders. Der erste Versuch mit Tragetuch endete damit, dass nicht nur das Baby völlig aufgelöst war, sondern auch die Mama. Ich habe das Binden vorher geübt und in der Theorie erschien es mir auch alles ganz einfach und logisch. Mit strampelndem, schreienden Baby dann leider nicht mehr.

Na gut, dachte ich mir, versuchen wir es mit etwas, das man unkomplizierter Binden kann. Es wurde eine DidyTai, also eine Mai-Tai von Didymos. Wieder übte ich zunächst trocken, ohne Baby. Das Binden war wirklich kinderleicht und ich hoffte, dass der Babyjunge, wenn er denn schnell “eingebunden” wäre die Liebe fürs Tragen entdeckte.

Der erste Versuch zeigte jedoch, dass das Baby partout nicht wollte. Zu eng. Zu warm. Zu was-weiß-ich-nicht. Aber Tragen ist doch Liebe! Ach Baby, ich will doch so gerne!

Bloß nicht aufgeben!

Und weil ich unbedingt will, gebe ich nicht auf. Wie beim Stillen. Das nächste Mal binde ich so schnell ich kann, werfe uns schnell eine Jacke über und stapfe los. Dabei hüpfe ich fast durch die Gegend und mache laute Zisch-Laute beim ausatmen. Einatmen, “Schhhhhhhhhh”, einatmen, “Schhhhhhh”. Ich höre mich an wie eine Dampflock und sehe wahrscheinlich aus wie Rumpelstilzchen. Nur mit dem Buckel auf der Brust.

Es vergehen Minuten, die mir wie Stunden erscheinen. Und dann: Stille. Vorsichtig luschere ich nach unten. Das Baby schläft. Der Mund geöffnet, die Sabber läuft mir ins Dekolleté. Es schläft! Ich bin glücklich. Verliebt. Beschwingt. Tragen ist Liebe!

Einige Wochen geht es so. Schreiendes Baby beim Binden. Einschlafen und “Schhhhh” und durch-die-Gegend-Hüpfen. Die Spaziergänge sind toll. So wie ich es mir vorgestellt habe und schöner. Ich bin mobil und komme überall lang. Muss nicht schauen, dass die Wege befahrbar sind. Kann auch über Baumstämme “hüpfen”.

Wir stapfen gemeinsam durch den Schnee. Wärmen uns gegenseitig. Das Baby schläft und ich entspanne.

Das Ende des Tragens

Doch das Baby wird größer. Wächst. Ist länger wach. Will weniger Schlafen. Ich muss immer länger “Schhhhhh” machen und durch die Gegend hüpfen. Die Stille im Wald wird jetzt oft durch das Schreien eines Babys gestört. Ich gehe nicht mehr gerne spazieren.

Tag X

Das Baby schreit im Tuch wie wahnsinnig. Ich kann mir vorstellen, dass es sich wie in einem Gefängnis fühlt. Denn so fühle ich mich. Im Winter mit Baby im Tuch. Ich kann es nicht einfach heraus nehmen und im Arm wiegen. Es ist bitterkalt und wir teilen uns eine Jacke. Das Baby schreit mich an und ich bin verzweifelt.

Zuhause angekommen werden Mama und Baby befreit, das Tuch in die Ecke geschmissen. Das Baby beruhigt sich.

Danach

Nach diesem Tag versuchen wir es noch ab und zu mal. Aber die Angst geht jetzt mit. Sie klebt mir an den Fersen und sobald das Baby unruhig wird, drehe ich um. Tragen ist Liebe. Doch das Baby sieht das anders.

Immer mal wieder holen wir den Kinderwangen aus der Garage. Das Baby liegt im Wagen, schaut sich interessiert um und schläft beim Fahren ein. Es gibt kaum Geschrei und wenn doch, dann kann ich das Baby auf den Arm nehmen. Es wiegen und halten. Dabei beruhigt es sich immer. Immer öfter lassen wir das Tuch Zuhause und nehmen dafür den Kinderwangen.

Nun müssen wir auf den Wegen bleiben. Ich bin meinem Baby nicht mehr so nah, wie ich gerne wäre. Fühle nicht mehr, wie sein Köpfchen vor Müdigkeit gegeben mein Dekolleté sackt. Vielleicht habe ich es falsch gemacht. Das falsche Tuch. Falsch gebunden. Tragen ist doch Liebe.

Vielleicht ist aber auch einfach jedes Baby anders. Und meins fühlte sich in der Enge erdrückt.

Trage dich in unseren Newsletter ein!

Und erhalte Nachrichten, wenn neue Beiträge erscheinen, Einladungen zu Produkttests und tollen Verlosungen für Mamis! Unter allen neuen Abonnenten verlosen wir jeden Monat einen Faminino-Goodie-Bag. Garantiert kein Spam.

* Pflichtfelder

** Nötig, wenn du Schwangerschafts-Updates erhalten willst. Wenn du nicht schwanger bist, einfach frei lassen.

Die Einwilligung umfasst unsere Hinweise zum Widerruf, Versanddienstleister und Statistik entsprechend unserer Datenschutzerklärung.

Dieser Artikel wurde bereits 116 Mal geteilt!

17 KOMMENTARE

  1. Ohja! Meine püppi konnte tragen von Anfang an nicht leiden, nur gezicke und Geschrei und an Harmonie nicht zu denken. Sie ist auch nicht so der kuscheltyp. Sie braucht ihren Freiraum und dann ist alles gut. Auch wenn Mama und Papa eig lieber knuddeln und knutschen wollen…^^’

    • Oh ja, kuscheln ist bei uns auch so ein Thema.. Manchmal völlig ok aber oft will er sich lieber bewegen 😀 da wird man dann schon mal weggedrückt oder gar gekniffen 😀

  2. Liebe Nele,

    falls du gerne weiter tragen möchtest, kann ich dir die Trage emeibaby empfehlen. Ich trage ab und zu meine nun 20 Monate alte Tochter Emilia noch darin, allerdings auf dem Rücken. Aber ich liebe es und die Kleine auch!

    Lg Kerstin 😉

    • Hey Kerstin,
      ja, wir haben auch schon an so eine Trage gedacht! Das werden wir wohl demnächst mal ausprobieren, danke für deinen Tipp 🙂
      Liebe Grüße
      Nele

  3. Hallo liebe Nele,

    als Mama eines “Nicht-Traglings” habe ich nach einem Jahr Kampf aufgegeben und meinem Kind das gegeben, was es braucht: wenig Körperkontakt. Meine Tochter ist jetzt bald drei, aufgeweckt, lieb, lustig… einfach wunderbar. Und trotzdem kuschelt sie bis heute nicht gerne. Das hatte ich bereits in den ersten zwei Wochen, in denen sie auf der Welt war, gemerkt und es hat sich immer wieder bestätigt. Mach dir keinen Kopf. Es gibt viele Kuschel-Kinder, aber eben auch die, die Nähe nicht so brauchen oder die mit Körperkontakt weniger glücklicch sind.

    Es wurde dann recht schnell der Kinderwagen und dann der Sportsitz und schließlich wurden die eigenen Beine entdeckt und seitdem läuft sie am liebsten. Ohne Wagen. Ohne Extras. Einfach wild und lebendig 🙂

    LG Jessica

    • Liebe Jessica,
      ja, man muss die Kinder einfach nehmen wie sie sind <3 Am Anfang dachte ich nur immer, dass es irgendwie "meine Schuld" sei... Das wird einem als Mama ja leider nicht so selten vermittelt.
      Mittlerweile habe ich auch die Vorteile für mich entdeckt - mit bald 8 Kilo ist das Baby ja auch nicht mehr so leicht wie es mal war 😀
      Die Beschreibung deiner Tochter hört sich toll und ganz genau richtig an!
      Vielen Dank für deine lieben Worte
      Nele

  4. Hallo Nele,
    bin gerade zufällig auf Deinen Blog gestoßen. Die ersten Trageversuche mit meinem ersten Sohn (inzwischen 2,5 Jahre alt) endeten ähnlich wie bei Dir. Ich bekam damals von meiner Hebamme den Tipp, einen Termin für ihn beim Osteopathen zu vereinbaren. Er hatte tatsächlich von der Geburt ein paar Blockaden, die für ihn das Tragen mehr als unbequem machten und ihn den Kinderwagen (in seiner Schonhaltung) bevorzugen ließen. Sobald die Blockaden gelöst waren, klappte auch das Tragen viiieeel besser.
    Ich habe außerdem noch eine Trageberatung gemacht. Jede Menge nützliche Kniffe und Tricks, so dass ich ihn später, als er dann größer und schwerer war und beim Einbinden viel mehr gezappelt hat, trotzdem noch gern und oft getragen habe.
    Vor 4 Monaten bin ich zum zweiten Mal Mama geworden. Der Kleine hat die ersten Wochen in der emeibaby Trage gewohnt und sich eigentlich nie ablegen lassen. Das andere Extrem… Wir haben für ihn trotzdem keinen Kinderwagen und es bisher auch noch nicht bereut. So an mich gebunden bzw. gegurtet entdeckt er die Welt und ich habe bei Bedarf beide Hände frei für den Großen 🙂

    • Hallo Lisa,
      wir waren tatsächlich auch beim Osteopathen, allerdings wegen der Stillprobleme. Aber wenn da eine Blockade gewesen wäre, hätte er es ja sicher bemerkt (auch wenn es quasi ein anderer Bereich ist, soweit ich mich erinnere hat er ihn komplett “durchgecheckt”). Aber das ist auf jeden Fall immer einen Versuch wert und kann viel bringen!
      Eine Trageberatung zu machen habe ich auch schon überlegt und schon im Netz gesucht, leider habe ich hier in der Umgebung nichts gefunden. Naja und momentan hat es sich alles so ziemlich eingespielt und im Kiwa klappt es jetzt ganz gut (von daher ist der “Leidensdruck” momentan nicht hoch genug um für die Trageberatung etwas weiter zu fahren). Aber wer weiß, wenn wir noch ein Baby bekommen, ist bestimmt auch alles ganz anders, dafür werde ich das auf jeden Fall nochmal im Hinterkopf behalten 🙂
      Liebe Grüße und einen schönen Abend 😉

  5. Meine Tochter (jetzt 3J) mochte das Tragetuch überhaupt nicht. Ich bin sehr schnell auf eine Trage umgestiegen (ergobaby am Anfang mit Neugeboreneneinsatz) und habe sie sehr lange und oft getragen.
    Bei meinem Sohn (jetzt 14M) hab ich es gar nicht erst mit dem Tuch versucht, sondern gleich die Trage genommen. Er war der absolute “Tragling”. Im Kinderwagen hat er nur geschrien und in der Trage war er sofort ruhig und hat geschlafen oder geschaut. Ich hätte ihn gerne auch öfter mal in den Kinderwagen legen wollen um die Zeit die er schläft besser mit seiner Schwester nutzen zu können.
    Erst als er nicht mehr flach liegen musste und ich das Rückenteil etwas schräg stellen konnte, war er auch mal im Kinderwagen zufrieden.
    So unterschiedlich sind die Kinder… ☺️
    LG

    • Hallo Anna,
      wir haben auch mittlerweile ein Trage und darin funktioniert es ganz gut 🙂 Dazu wollte ich auch demnächst nochmal schreiben.
      Oh ja, Kinder sind da ganz verschieden, das habe ich schon sehr oft von Eltern mit mehr als einem Kind gehört. Und es zeigt mal wieder, dass man einfach immer schauen muss, womit das jeweilige Kind gut zurecht kommt. Pauschale Tipps und Ratschläge treffen somit oft nur auf einen Bruchteil der Kinder zu. Wir sind gespannt, wie sich das bei uns entwickelt und ob wir irgendwann noch einmal ein Baby bekommen und wie das dann alles wird 🙂
      Liebe Grüße
      Nele

  6. Unser Tragetrauma bestand darin, dass unsere Maus sich verschluckt hatte und durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit in der Trage keine Luft mehr bekommen hatte. Sie wäre fast erstickt und das unterwegs im Zug. Kind raus und auf den Bauch leicht den Kopf runter und ajf den Rücken klopfen hätte da fast zu lange gedauert aber es ist nochmal alles gut gegangen. Seitdem habe ich immer Angst, wenn ich die Trage nutze und ich verwende sie kaum noch.

    • Waaas?! Das ist ja WIRKLICH ein Trauma! Gut, dass alles nochmal gut ausgegangen ist. Und dass du die Trage da nicht mehr gerne verwendest, kann ich absolut nachvollziehen. So etwas will man ja nie, nie, nie erleben.

  7. Mein Großer mochte keine Naehe ( und stillt mal ohne festhalten ;-)), aber er liebte es getragen zu werden. Tagelang. Bis mein Ruecken streikte. Weil das Reize ausblendete und ihn einschlafen ließ. Die Kleine ist bis heute (5J.) eine Kuschelmaus, aber hasste das Tragetuch, Kiwa oder Arm. Ich wusste also, wie es geht, trotzdem ging es nicht…Lehre: sie sind verschieden. Man kann noch so perfekt planen. Die Kurzen haben da auch noch eine Meinung zu 😉 Und das bleibt so! Immer einen Plan B haben.

    • Oh ja, ich habe im ersten Jahr vor allem eins gelernt: so wie Mama (Papa, wer auch immer) das “geplant” hat oder sich vorstellt, so läuft das eher nie 😀 Aber es ist trotzdem perfekt und wundervoll <3

HINTERLASSE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here