Was Kinder wirklich brauchen

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Was Kinder wirklich brauchen

“Wenn du willst, dass dein Kind eine sichere Bindung aufbauen kann, dann musst du stillen, im Tragetuch tragen, im Familienbett schlafen, darfst nie nein sagen, niemals laut werden und (als Mutter) erst recht nicht arbeiten gehen, bevor das Kind 7 Jahre alt ist.” So, oder so ähnlich klingt es einem heute manchmal entgegen und im selben Atemzug wird dann auch noch behauptet, dass das ja wissenschaftlich erwiesen sei.

1. Was Kinder wirklich immer brauchen

Ganz ehrlich: Was Kinder wirklich brauchen, ist: Liebe gepaart mit Kompetenz.

Es ist egal, ob du stillst oder Flasche gibst, egal, ob du trägst oder schiebst. Es macht dich nicht zu besseren Mutter, wenn du im Familienbett schläfst. Es ist ganz egal was du machst! Es kommt darauf an, dass du es liebevoll und überlegt machst!

Auch beim Flasche geben, kannst du dein Kind im Arm halten, es kuscheln, mit ihm sprechen, ihm in die Augen schauen. Auch im Kinderwagen kannst du deinem Baby das Gefühl geben, dass es nicht allein ist und du immer da bist. Und wenn dein Kind im Beistellbett schläft, dann kann es sich trotzdem wahnsinnig geliebt fühlen – wenn du ihm dieses Gefühl gibst!

Im Ernst: etwa 60 % der Kinder in westlichen Gesellschaften sind sicher gebunden! Dazu braucht es kein Tragetuch. Dazu braucht es eine Mama und einen Papa, die liebevoll auf ihr Kind eingehen. Die die Signale des Kindes erkennen und darauf sinnvoll reagieren.

1.1 Erziehungsstile als Hilfsmittel

Ich verstehe Ansätze wie das Attachment Parenting als Hilfsmittel: Mithilfe dieser Methoden kannst du es dir und deinem Kind erleichtern. Wenn das Kind in deinem Bett schläft, wirst du seine Bedürfnisse vielleicht schneller erkennen können. Wenn du es viel im Tragetuch mit dir trägst, dann habt ihr automatisch viel Körperkontakt. Sie sind aber keine Garantie!

Denn das allein reicht nicht. Wenn ich mein Kind den ganzen Tag im Tragetuch habe, dabei aber immer mein Handy vor der Nase und das Kind ignoriere, dann sorgt das sicherlich nicht dafür, dass das Kind sich wahnsinnig geliebt fühlt. Und wer im Familienbett schläft, dadurch aber nicht gut schlafen kann und ständig schlechte Laune hat, tut weder sich selbst, noch seinem Kind einen Gefallen.

1.2 Finde DEINEN Weg!

Liebe Mamas, lasst euch von anderen nicht erzählen, wie ihr euer Leben zu leben habt. Glaubt niemanden, der euch weiß machen will, dass es nur DEN EINEN richtigen Weg gibt! Der Mensch ist unglaublich vielfältig. Glaubt nicht, dass es die Studie gibt, die euch sagt, wie ihr eure Kinder zu tollen, zufriedenen, glücklichen Erwachsnen erziehen könnt. Es gibt sie nicht!

Lese Ratgeber. Schaue dir andere Konzepte an. Sprich mit Freunden, Bekannten, Verwandten über Erziehung. Aber glaube nicht, dass IRGENDJEMAND wirklich sagen kann, was immer funktioniert und was nicht. Am Ende des Tages, musst du für dich, für deine Familie, für dein Kind entscheiden, was du willst. Woran du glaubst. Womit du dich gut fühlst.

Und ja, natürlich gibt es Dinge, die als gesichert gelten aber trotzdem ist da immer so viel Spielraum, dass jeder seinen eigenen Weg finden und gehen kann. Und fast immer gibt es andere Wege, die ebenso zum Ziel führen können.

Letztendlich geht es darum, dass wir uns wohl fühlen. Dass wir uns nicht verbiegen und auf Teufel komm raus etwas leben, dass nicht zu uns passt. Denn das wird nicht funktionieren. Am Ende zählt, was dir wichtig ist und wenn man mal einen Fehler macht? So what? Niemand ist perfekt und unsere Kinder können mehr verkraften als mancher annehmen mag!

Und zum Thema “das ist wissenschaftlich erwiesen!”:

2. Forschung: Was sie kann und wo die Grenzen sind

Seit meines Psychologie-Studiums bin ich sehr skeptisch geworden. Oder auch offener dafür, dass viele Wege zum Ziel führen können. Auch wenn nur einer davon “erwiesen” ist. Warum?

2.1 A hat gesagt, dass B gesagt hat, dass C in einer Studie…

Ich lerne gerne Neues dazu. Und ich lasse mich auch gerne eines Besseren belehren. Aber nur, wenn man mir auch verlässliche Quellen nennen kann. Doch Primärliteratur (also die ursprünglichen Studien, Arbeiten, Texte) wird nur extrem selten angegeben. Stattdessen wird abgeschrieben was das Zeug hält: A schreibt von B ab und B von C und C von D… Und woher hat D seine Informationen? Aus einer Zusammenfassung von Q.

Das Problem dabei? Wissenschaftliche Texte und Studien werden leider wahnsinnig oft falsch ausgelegt und interpretiert. Vor allem Leute, die keine statistische Ausbildung haben, neigen manchmal dazu die Ergebnisse wenig zu hinterfragen und die Forschungsmethoden und Auswertung nicht kritisch zu betrachten.

Das Ergebnis? Es verbreitet sich, dass bestimmte Dinge bewiesen sind. Obwohl dem gar nicht so ist.

Was man an Studien falsch verstehen kann?

2.2 Studien stellen oft nur Zusammenhänge her

Viele Studien beschäftigen sich damit, ob es zwischen zwei Variablen (A und B) einen Zusammenhang gibt. Dazu werden diese Variablen in der Stichprobe erhoben (zum Beispiel durch einen Fragebogen oder Beobachtung) und dann ein statistischer Kennwert errechnet, der Auskunft darüber gibt, wie oft die beiden Variablen zusammen auftreten. Das ist die Korrelationen. Eine Korrelation von 1 sagt aus, dass A und B immer zusammen auftreten. Eine Korrelation von -1 sagt hingegen aus, dass A und B nie zusammen auftreten. Eine Korrelation von 0 sagt aus, dass es kein Muster gibt, also immer verschieden ist (in 50 % der Fälle treten A und B zusammen auf, in den anderen 50 % nicht).

Nun nehmen wir als Beispiel das Familienbett und die sichere Bindung. Wir wollen also wissen, ob Kinder, die im Familienbett schlafen (Variable A) sicher gebunden sind (Variable B). Nun befragen wir Familien. Am Ende berechnen wir unsere Korrelation aus den Daten und bekommen ein r (Kennwert für die Korrelation), von, sagen wir mal 0.8. Dies zeigt: viele Kinder, die im Familienbett schlafen (Variable A) sind auch sicher gebunden (Variable B). Variable A und B kommen also häufig zusammen vor.

Nun passiert aber der Denkfehler:
Daraus leiten viele ab: Das Familienbett sorgt dafür, dass Kinder sicher gebunden sind.

Erscheint auf den erste Blick logisch. ABER wissen wir das wirklich? Alles, was wir wissen, ist, dass diese Faktoren häufig zusammen auftreten. Wir können aber gar nicht sagen, WARUM das der Fall ist. Und, wenn wir noch einen Schritt weiter gehen, wir können NICHT einmal sagen, ob es zwischen A und B überhaupt einen Zusammenhang gibt.

Vielleicht gibt es eine Dritte Variable C und diese wirkt auf beide? Nehmen wir an C ist die Feinfühligkeit der Eltern: Feinfühlige Eltern schlafen eher im Familienbett und Feinfühlige Eltern haben eher sicher gebundene Kinder. So könnte es sein, dass A und B gar nichts miteinander zutun haben!

Ein anderes Beispiel:
In einem Ort, in dem viele Störche wohnen (Variable A) werden viele Kinder geboren (Variable B). Die Korrelation beträgt auch hier 0.8. Bringen also doch die Störche unsere Kinder?

Oder:
Da, wo viele Orangen wachsen (Variable A), wachsen auch viele Zitronen (Variable B). Also muss man neben jeden Orangenbaum einen Zitronenbaum pflanzen? Oder ist es nicht einfach das gute Wetter (Variable C), die für das Wachstum sorgt? Und wenn Variable C ausschlaggebend ist, dann brauche ich keine Orangen pflanzen um viele Zitronen zu bekommen. Ich könnte also Variable A komplett weglassen!

Uff. Das war nun sehr theoretisch. Ich hoffe, man erkennt aber, worauf ich hinaus will. Nur weil zwei Dinge häufig zusammen auftreten, heißt es nicht, dass diese auch notgedrungen zusammenhängen. Korrelation ist nicht gleich Kausalität!

(Ich habe das ganze hier ein bisschen auf lineare Zusammenhänge runtergebrochen, es gibt natürlich noch andere, aber das würde nun wirklich zu weit führen.)

2.3 Wenn ich etwas beweisen will

Wenn ich nun wirklich beweisen will, dass das Familienbett dafür sorgt, dass Kinder sicher gebunden sind, dann müsste ich ein Experiment durchführen. Ein Experiment mit, sagen wir mal 100 Familien. Sehr vereinfacht müsste ich nun die Familien ZUFÄLLIG einteilen: die Hälfte soll die nächsten Jahre im Familienbett schlafen, die andere Hälfte nicht. Am Ende sollte nun am besten rauskommen, dass alle Kinder, die im Familienbett geschlafen haben sicher gebunden sind und die anderen 50 % nicht.

Das große Problem lässt sich leicht erkennen: Welche Familie erklärt sich freiwillig bereit bei sowas mitzumachen? Jetzt mal im Ernst? Wenn ich im Familienbett schlafen will und denke, dass das gut für mein Kind ist, werde ich nicht für eine Studie von diesem Vorhaben abweichen. Und anders herum ist es ähnlich.

Und ein weiteres Problem ist, dass es eine Unmenge an weiteren Variablen geben kann (und wahrscheinlich auch gibt), die das Ergebnis ebenfalls beeinflussen können…

2.4 Fazit

Wer dir mal wieder erzählen will “eine wissenschaftliche Studie hat bewiesen, dass A zu B führt”, der soll dir diese Studie erstmal zeigen!

Menschliches Verhalten ist wahnsinnig komplex und es ist wirklich ein Problem in der Psychologie zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen. Wer meint, dass etwas absolut sicher sei und in jedem Fall so und so gemacht werden muss, der hat wahrscheinlich keine Ahnung.

3. Wissen schadet trotzdem nicht

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass es deswegen nicht nutzlos ist Ratgeber zu lesen. Wer viel ließt und sich in diesem Bereich weiter bildet, der sammelt ein Repertoire an Möglichkeiten und Verhaltensalternativen.

3.1 Zum Umgang mit Studien

Studien und andere wissenschaftliche Texte können uns helfen, wenn wir richtig mit Ihnen umgehen:

  • Studien sind keine Bedienungsanleitungen. Sie können uns nicht sagen: “Drücke Knopf A und du bekommst Ergebnis B; drücke Knopf C und du bekommst D.”. Aber Studien können uns in Richtungen weisen: “Wenn du A machst, dann wird B wahrscheinlicher.”
  • Studien berücksichtigen wenig die individuelle Vielfalt. Studien wollen Aussagen treffen, die auf bestimmte Gruppen zutreffen. In Punkto Erziehung sind das oft sehr große Gruppen (zum Beispiel europäische Eltern und deren Kinder). Dadurch werden Einzelfälle und persönliche Unterschiede natürlich vernachlässigt.
  • Studienergebnisse sind nicht unanfechtbar. In der Psychologie gilt die Auffassung,
    dass zunächst mehrere unabhängige Studien zu dem gleichen Ergebnissen kommen müssen. Erst dann kann man davon ausgehen, dass die Studie allgemein gültig ist. Leute, die weniger wissenschaftlich arbeiten begnügen sich hingegen oft schon mit einer einzigen Studie, die ihren Punkt bestätigen.

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